Hallo, Bendelson, ja, von punkt. Händeschütteln. Hallo, Herr Pressesprecher. Händeschütteln. Hallo, Frau Sekretärin. Händeschütteln. Hallo. Den kräftigsten Händedruck hat natürlich der Chef persönlich: Frank Bsirske, 60, Vorsitzender der Gewerkschaft ver.di im Gespräch mit punkt. über das bedingungslose Grundeinkommen, das Bildungssystem und den Obst- und Gemüsehandel in Berlin.
punkt.: Herr Bsirske, fahren Sie auch so auf Club Mate ab?
Bsirske: Bitte was?
Club Mate…
…ich weiß leider nicht, was das ist, also: Nein. (lacht)
Sie sind 60 Jahre alt. Wann wollen Sie in Rente gehen? Und was für ein Rentenalter fordern Sie deutschlandweit?
Angesichts der Arbeitsbelastungen, die im Arbeitsleben gegenwärtig zu bewältigen sind und angesichts der Tatsache, dass nur 21% der 64-Jährigen die Verrentung noch an ihrem Arbeitsplatz erleben, halte ich ein allgemeines Verrentungsalter von 67 Jahren für entschieden zu hoch. Ich selbst bin jetzt 60 und bis 2015 gewählt und werde diese Periode mit Sicherheit noch zu Ende bringen und dann sehen wir mal, wie es weiter geht.
Was ist Ihnen aus Ihrer Schulzeit in Erinnerung geblieben?
Ich habe 1967 Mittlere Reife gemacht und bin dann, mitten in die Schülerbewegung der 68er Jahre hinein, aufs Gymnasium gewechselt. Wir sind auf der Realschule noch auf Disziplin, Fleiß und Unterordnung getrimmt worden und was ich auf dem Gymnasium an Spielräumen erlebt habe, war für mich vorher undenkbar. Insofern waren die Jahre ‘67 bis ‘71 ausgesprochen schön, ich habe immer weniger getan und meine Noten wurden immer besser (lacht). Ich habe diese Jahre als befreiend empfunden, so befreiend, dass ich, als mir angeboten wurde, die 12. Klasse zu überspringen, abgelehnt habe. Wir haben damals übrigens auch den ersten niedersächsischen Schulstreik gemacht, eine Woche lang. Danach sollte ich eigentlich von der Schule fliegen, das hat aber nicht geklappt.
Sie sind gleichzeitig bei den Grünen und ver.di-Chef. Wie geht das zusammen: auf der einen Seite Arbeiterführer und auf der anderen Seite Mitglied in einer Partei der Besserverdienenden und Akademiker, die die unsoziale „Agenda 2010“ mitbeschlossen hat?
Ich gehörte aufgrund meiner Dauer-Kritik an der unsozialen „Agenda 2010“ nicht zu den Wohlgelittenen in dieser Partei. Ich komme aber aus einem Kreisverband Hannover, in dem Gewerkschafter eine entscheidende Rolle gespielt und die Arbeit dieser Grünen bis heute mitgeprägt haben. Insofern ist das Gewicht, das die Grünen bestimmten Fragen geben, durchaus unterschiedlich.
Wie denken Sie über die Globalisierung und die Flucht der Arbeit nach Asien?
(überlegt) Ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich sagen kann, dass das Prägende im Moment die Flucht der Arbeit nach Asien ist. Tatsache ist, dass wir Bewegungen in beide Richtungen haben. Wir haben den Aufbau von Produktionskapazitäten deutscher Firmen, vorzugsweise in China und Inden, allerdings auch mit der Erschließung von Exportmärkten, die hier wiederum Arbeitsplätze schaffen. Und wir haben zum Teil auch Rückverlagerung von Produktionen, wenn sich zeigt, dass in Asien das Umfeld von Zulieferern nicht vorhanden ist, das für eine innovative, produktive, technisch weitentwickelte Produktion Vorraussetzung ist. Wir sollten allerdings im Auge behalten, dass die Einseitigkeit der Exportorientierung in der Bundesrepublik und die Vernachlässigung des Binnenmarktes zu einem grundlegenden Problem der Weiterentwicklung des Wirtschaftsstandorts Deutschland zu werden droht.
Ist der Kapitalismus das größte Problem der Welt?
Die Form von dereguliertem Kapitalismus, von Raubtierkapitalismus, die wir seit ein paar Jahren sehen, diese Form der Herausbildung einer Kultur der Maßlosigkeit im Umgang mit der menschlichen Arbeitskraft und der natürlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten, ist eine fundamentale Bedrohung der Zukunft der Menschheit und ein Modell, das Reichtum für wenige gewährt, aber vielen Verarmung bringt. Reregulierung der Märkte, Demokratisierung der Wirtschaft, mehr soziale Verantwortung, mehr Sozialstaat, verantwortlicheren Umgang mit der Umwelt, all das ist dringend notwendig, um die aktuellen Auswüchse des Kapitalismus zu bändigen.
Ist es nur positiv, dass seit einem Jahr Osteuropäer den deutschen Arbeitsmarkt erschließen?
Die Öffnung des Arbeitsmarktes birgt Chancen und Risiken. Die Chancen bestehen darin, dass wir Fachkräfte gewinnen können, Risiken bestehen dann, wenn dieser Zustrom dafür genutzt wird, die Löhne in den Keller zu konkurrieren und die zu uns kommenden Arbeitskräfte auszubeuten und damit auch die Einheimischen unter zusätzlichen Lohndruck zu setzen. Auch deshalb brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn!
Wie viel verdienen Sie so ungefähr und können Sie ärmeren Menschen das Reichsein empfehlen?
Das sind bei mir etwas über 13.000 Euro brutto pro Monat und damit stehe ich deutlich besser da als viele, viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Und? Können Sie das empfehlen? Macht’s Spaß?
Höhere Löhne kann ich umstandslos empfehlen.
Wird die Arbeitsmarktstatistik in Deutschland verschönert?
Uneingeschränktes ja, weil beispielsweise bestimmte Gruppen von Beschäftigungslosen in dieser Statistik gar nicht erfasst werden, was dazu führt, dass die offizielle Statistik nur einen Teil vom Ausmaß der Arbeitslosigkeit in Deutschland wiedergibt. Wir können davon ausgehen, dass die reale Zahl der Arbeitslosen um viele Hunderttausend höher liegt!
Ganz ehrlich: Bei den Problemen im heutigen Schulsystem kann man doch nicht ernsthaft erwarten, dass es in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt besser wird, oder?
(überlegt) Das ist eine interessante Frage, weil sie den Blick auf das Schulsystem mit dem Blick auf den Arbeitsmarkt verknüpft, wobei ich jetzt gar nicht weiß, wie Sie das meinen mit den Problemen…
…Verkürzung der Schulzeit, Lehrermangel, Verwahrlosung der Schulen, überfüllte Klassen, schwierigere Bedingungen für sozial Schwächere, …
…in dem Sinne, dass das jetzige Bildungssystem für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft nicht ausreichend vorbereitet und ausgerichtet ist.
Sind Sie dieser Meinung?
Ja, absolut. Wir haben ein Schulsystem, in dem der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß ist, wie praktisch nirgendwo sonst in der industrialisierten Welt. Wir haben ein Schulsystem, in dem rund 7% jedes Jahrgangs die Schule ohne Abschluss verlassen, bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind es 14%, in Berlin sind es mancherorts knapp 40%! Unser gegliedertes Schulsystem ist strukturell unterfinanziert, in allen Einrichtungen! Was die öffentlichen Ausgaben für Bildung im Bezug auf das BIP angeht, liegen wir zwischen der Türkei und Mexiko. Unser Schulsystem eröffnet keine ausreichenden Bedingungen für eine individuelle Betreuung der Kinder und Jugendlichen, das können wir uns mit Blick auf die Zukunft nicht leisten!
Was würden Sie gegen die Jugendarbeitslosigkeit tun?
Mehrere 100.000 Jugendliche stehen ohne Berufsausbildung da. Wir haben eine Situation, in der nur 22% der Betriebe überhaupt ausbilden. Der Rest scheint darauf zu hoffen, von der Ausbildung der anderen zu profitieren, ohne sich selbst zu engagieren, diese Betriebe muss man auch finanziell in die Pflicht nehmen, um das Ausbildungsplatzangebot aufzustocken.
Wie ist Ihre Meinung zum bedingungslosen Grundeinkommen?
Ich bin der Auffassung, dass das bedingungslose Grundeinkommen mehr verspricht, als es einhalten kann. Entweder man stattet das Niveau dieses bedingungslosen Grundeinkommens so gering aus, dass es finanzierbar ist, dann allerdings ist es völlig unzureichend. Oder man erreicht ein Niveau, das zum Leben reicht, dann allerdings geht es um Umverteilungsgrößenordnungen, die ohne tiefgreifende Eingriffe in die Einkommen von durchschnittlich Verdienenden überhaupt nicht finanzierbar sind. Eine solche Umverteilung ist nicht realisierbar, insofern denke ich, dass ein zielführendes Konzept nicht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen zielen kann, sondern auf ein bedingungsgebundenes, bedarfsorientiertes, armutsfestes und auskömmlichesGrundeinkommen für diejenigen, für die tatsächlich Bedarf besteht, weil sie auf Sozialleistungen angewiesen sind.
Was halten Sie von der Situation des Obst- und Gemüsehandels in Berlin? Sind Sie zufrieden oder könnten sich die Deutschen dort besser integrieren?
Ich kriege vom Obst- und Gemüsehandel in Berlin nur so viel mit, als dass ich, wenn möglich, samstags mit meiner Frau auf dem Markt einkaufen gehe. Und das, was ich dort an Angebot vorfinde, ist sehr schön, ich hab überhaupt keine Kritik an dem Angebot, das ich hier in Berlin vorfinde. Ich treffe dort sowohl deutsche, als auch türkische, als auch andere ausländische Händler an, die gute Waren zu attraktiven Preisen anbieten. Ich bin sehr zufrieden.
Das heißt, Sie würden Seehofer widersprechen und sagen: „Multikulti ist nicht tot“?
Ich weiß nicht, was den Seehofer da reitet, aber ich erlebe in Berlin eine multikulturelle Szene, die ich als bereichernd empfinde, ob das die Märkte angeht oder die kulturelle Szene, die ich nicht missen mag. Wenn Seehofer meint, diese Szene sei tot, dann würde ich ihm einfach mal eine Exkursion empfehlen: Eine Woche Berlin, ins Leben hinein, raus aus dem Büro, raus aus dem Ministerium, rein ins wirkliche Leben…
…Sie meinen raus aus Bayern?
(lacht) Ja. Wahrscheinlich kann er aber auch in Bayern konkrete Eindrücke sammeln, was ihm sicher nicht schaden würde.
Justin Bieber hat seinen Highschool-Abschluss geschafft, gratulieren Sie ihm herzlich?
Das finde ich großartig! Ich kann nur jedem gratulieren, der seinen Highschool-Abschluss schafft, weil das natürlich auch Chancen öffnet, die zu wahren und zu nutzen ich ihm von Herzen gönne.
Herr Bsirske, ich bedanke mich für das Gespräch.
Das Gespräch führte Men Bendelson.



